Indonesien bleibt ein zentraler Schauplatz dschihadistischer Aktivitäten in Südostasien. Die indonesischen Sicherheitsbehörden, insbesondere die Eliteeinheit Densus 88, haben in den letzten Jahren zahlreiche Zellen zerschlagen. Die Bedrohung hat sich von großflächigen, koordinierten Anschlägen hin zu dezentralen, kleingruppierten Aktionen und Einzeltätern verschoben. Historisch war Indonesien insbesondere in den 2000er-Jahren stark von islamistischen Terrorgruppen betroffen. Die Organisation Jemaah Islamiyah (JI), mit Verbindungen zu al-Qaida, führte mehrere Anschläge durch, darunter die Bali-Bombenanschläge 2002 mit über 200 Toten sowie Angriffe auf Hotels und Auslandsvertretungen in Jakarta und Umgebung. Vorläufergruppen wie Darul Islam und Komando Jihad prägten militante Strömungen seit den 1940er bis 1980er-Jahren, bevor moderne Netzwerke wie JI entstanden. Seit 2023 wurden keine bestätigten Terroranschläge verzeichnet. Kleinere Anschlagsversuche und geplante Attacken wurden jedoch entdeckt, sodass gewaltbereite Zellen weiterhin bestehen. Zu den aktiven Gruppen zählen Jamaah Ansharut Daulah (JAD), ein loses Netzwerk mit IS-Anbindung, das für Selbstmordanschläge wie Astana Anyar 2022 verantwortlich gemacht wird, sowie kleinere Splittergruppen wie Hizb ut-Tahrir Indonesia, die radikale Narrative online verbreiten. Transnationale Verbindungen bestehen zu al-Qaida und dem IS, insbesondere in Südostasien, unter anderem zu Netzwerken auf den Philippinen.
Terroristische Akteure in Indonesien haben historisch vor allem weiche Ziele angegriffen, darunter touristische Orte wie Hotels und Clubs, religiöse Einrichtungen, Minderheiten sowie staatliche Institutionen wie Botschaften und Polizeistationen. Öffentliche Veranstaltungen, Infrastruktur und Versammlungsplätze in Städten wie Jakarta, Surabaya oder Bandung gelten weiterhin als potenziell attraktive Ziele. Historisch dominierende Anschlagsarten umfassen Suizidattentate, Bombenanschläge und koordinierte Explosionen in Innenstädten. Aktuell sind kleinere, opportunistische Angriffe durch Einzelpersonen oder Kleingruppen häufiger, häufig mit Sprengsätzen oder Schusswaffen, oft inspiriert durch Online-Radikalisierung. In städtischen Gebieten wie Jakarta und Surabaya liegt der Fokus auf medienwirksamen Anschlägen, während ländliche Regionen wie Zentral- und Süd-Sulawesi als Rückzugs- und Rekrutierungsgebiete für Gruppen wie die ehemalige East Indonesia Mujahideen (MIT) dienten, obwohl diese Netzwerke durch Sicherheitskräfte geschwächt wurden.
Indonesien verzeichnete eine beträchtliche Zahl von Foreign Terrorist Fighters in Syrien und im Irak. Über 600 Indonesier reisten in diese Konfliktgebiete, mehr als 400 kehrten zurück. Rückkehrer stellen weiterhin ein Sicherheitsrisiko dar, da einige ideologisch motiviert bleiben und lokale Netzwerke reaktivieren könnten. Auch ohne Auslandserfahrung erfolgt Radikalisierung zunehmend online über soziale Netzwerke und lokale Predigtnetzwerke. Die Behörden blockieren große Mengen extremistischer Online-Propaganda. Deradikalisierungs- und Reintegrationprogramme sind aktiv, dennoch bestehen Herausforderungen bei ehemaligen Extremisten, deren Ideologien nicht vollständig aufgegeben werden.
Aktuelle Auswertungen zeigen, dass Indonesien im Jahr 2025 keine bestätigten terroristischen Anschläge erlebte. Gleichzeitig wurden Anschlagspläne und radikale Zellen aufgedeckt. Die formelle Auflösung von Jemaah Islamiyah im Jahr 2024 markiert einen strukturellen Wandel, dennoch bestehen dezentrale Netzwerke ehemaliger Mitglieder. Die Taktiken haben sich diversifiziert, mit einer Abkehr von komplexen Sprengstoffanschlägen hin zu einfacheren, schwerer detektierbaren Methoden. Potenzielle Ziele umfassen religiöse Einrichtungen, Sicherheitsbehörden sowie westliche Interessen wie Hotels und Einkaufszentren, insbesondere in Städten wie Jakarta und Bali. In städtischen Gebieten liegt der Fokus auf medienwirksamen Anschlägen mit IEDs oder Messerattacken, während in ländlichen Regionen wie Zentral-Sulawesi bewaffnete Aufständische operieren. Technologische Entwicklungen wie der Einsatz von Drohnen und Kryptowährungen zur Terrorfinanzierung sowie die Beteiligung ganzer Familien, einschließlich Minderjähriger, wurden beobachtet. Aufgrund massiver Schutzmaßnahmen bei harten Zielen verlagert sich der Schwerpunkt auf weiche Ziele mit hoher Menschendichte.
Indonesien verfügt über einen rechtlichen Rahmen zur Terrorismusbekämpfung, der sich historisch aus der Reaktion auf die Bali-Bombenanschläge von 2002 entwickelte. Nach diesen Anschlägen erließ der Staat eine Regierungsvorschrift im Ausnahmefall („Perpu“) zur Bekämpfung von Terrorismus, die 2003 in das Gesetz Nr. 15/2003 über die Bekämpfung von Terrorismus-Straftaten überführt wurde. Dieses Gesetz bildet die primäre rechtliche Grundlage für die Definition terroristischer Straftaten, die Strafverfolgung und Maßnahmen zur Prävention. 2018 wurde das Gesetz durch Gesetz Nr. 5 von 2018 überarbeitet und gestärkt, um Lücken zu schließen und neue Formen terroristischer Aktivitäten einzubeziehen. Die verfassungsrechtliche Grundlage stützt sich auf die Verfassung von 1945, die dem Staat die Pflicht zur Gewährleistung von Sicherheit und Schutz der Bevölkerung überträgt. Die Gesetzgebung gewährt den Strafverfolgungsbehörden weitreichende Befugnisse, einschließlich Überwachung, Festnahme mutmaßlicher Terroristen und Nutzung von Geheimdienstinformationen als Beweismittel. Internationale Menschenrechtsorganisationen äußern wiederholt Bedenken hinsichtlich unklarer Definitionen, möglicher Einschränkungen des Zugangs zu rechtlichem Beistand und der Gefahr, dass legitime politische Aktivitäten fälschlich als terroristisch eingestuft werden können.
Die institutionelle Struktur der Terrorismusbekämpfung in Indonesien basiert auf mehreren staatlichen Organen mit unterschiedlichen Aufgaben. Zentral ist die National Counter Terrorism Agency (BNPT, Badan Nasional Penanggulangan Terorisme), eine 2010 geschaffene Behörde unter dem Büro des Koordinierenden Ministers für Politik, Recht und Sicherheit, die nationale Präventions-, Deradikalisierungs- und Koordinierungsaufgaben übernimmt. Die operative Umsetzung von Strafverfolgung und Sicherheitsmaßnahmen liegt bei der Anti-Terroreinsatzgruppe Detachment 88 (Densus 88), einer Spezialeinheit der indonesischen Polizei, die 2003 gegründet wurde und seither in zahlreichen Anti-Terror-Operationen aktiv ist. Densus 88 kann auf Grundlage von Geheimdienst- und Polizeiberichten innerhalb kurzer Fristen Verdächtige festnehmen und Ermittlungen durchführen. Ergänzt wird diese Struktur durch andere Einheiten der Nationalpolizei (POLRI) wie das Mobile Brigade Corps (BRIMOB) für spezielle Einsätze und Bombenentschärfungen, durch die Indonesische Streitkräfte (TNI), die in unterstützender Rolle bei ernsteren Sicherheitslagen herangezogen werden, und durch den Geheimdienst (BIN), der strategische Überwachungs- und Informationsaufgaben übernimmt.
Nationale Strategien umfassen sowohl „harte“ als auch „weiche“ Maßnahmen. Die Balanced-Strategie kombiniert strafrechtliche Durchsetzung, präventive Sicherheitseinsätze und Deradikalisierungs- sowie Präventionsprogramme. BNPT fördert Initiativen zur Deradikalisierung und Gegen-Radikalisierung, die auf die Reintegration ehemaliger Extremisten abzielen und die Zusammenarbeit mit Gemeinden, religiösen Führungspersonen und Bildungseinrichtungen einbeziehen. Während Densus 88 operative Maßnahmen durchführt, liegt der Schwerpunkt zunehmend auf der Prävention von Rekrutierung, dem Aufbau von Gemeinschaftsresilienz und der Entschärfung extremistischer Narrative. Die Deradikalisierungsprogramme in Gefängnissen integrieren psychologische Betreuung, religiöse Beratung und berufliche Qualifizierung, um die Abkehr von Gewalt zu fördern. Zivilgesellschaftliche Einbindung erfolgt durch Kooperation mit Organisationen wie Nahdlatul Ulama und Muhammadiyah, um moderate Interpretationen des Islam zu stärken. Programme zum Schutz von Kindern konzentrieren sich auf die Verhinderung der Rekrutierung Minderjähriger in radikalisierten Familienclans.
Internationale Zusammenarbeit spielt eine zentrale Rolle. Indonesien arbeitet bilateral und multilateral mit UNO-Organisationen, regionalen Gruppen wie ASEAN-Polizeinetzwerken sowie europäischen Staaten zusammen. Treffen zwischen indonesischen Anti-Terror-Polizeikräften und EU-Sicherheitsbehörden dienen dem Austausch von Bedrohungsanalysen, Strategien zur Auflösung extremistischer Gruppen und Best-Practice-Verfahren. Kooperationen mit INTERPOL und Partnerschaften mit internationalen Gebern wie den USA, Australien und UNDP fördern Informationsaustausch, Ausbildung und technische Unterstützung für P/CVE-Maßnahmen. Bilaterale Abkommen mit Australien und Nachbarstaaten wie Malaysia zielen auf die Bekämpfung grenzüberschreitender Netzwerke. Die ASEAN-Regionalzusammenarbeit beinhaltet gemeinsame Übungen, Informationsaustausch und Trainingsprogramme im Rahmen der ASEAN Convention on Counter-Terrorism.
Beispiele bedeutender Anti-Terror-Operationen umfassen Einsätze von Densus 88, die zur Festnahme oder Tötung führender Terrorverdächtiger führten und Netzwerke wie Jemaah Islamiyah oder Jamaah Ansharut Daulah schwächten. Historisch sind Operationen gegen zentrale Figuren wie Noordin Mohammad Top sowie koordinierte Operationen in Hochrisikoregionen wie Poso oder Zentral-Sulawesi zu nennen. Im Jahr 2025 zerschlug Densus 88 vier IS-Zellen mit 51 Festnahmen, wodurch mehrere geplante Anschläge auf Kirchen und öffentliche Veranstaltungen verhindert wurden. Die Operation Tinombala/Madago Raya führte zur Neutralisierung der Führer der Gruppe Mujahidin Indonesia Timur (MIT) in Zentral-Sulawesi.
Gesellschaftliche und menschenrechtliche Kritikpunkte betreffen vor allem die Balance zwischen Sicherheit und Freiheitsrechten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren Misshandlungen in Haft, unklare Definitionen im Gesetz und die potenzielle Unterdrückung politischer Opposition oder zivilgesellschaftlicher Aktivisten, insbesondere in Papua. Die Einbindung des Militärs in innere Sicherheitsoperationen wird als problematisch angesehen, da sie an frühere autoritäre Praktiken erinnert. Zudem weisen Fachstudien darauf hin, dass harte, repressiv wirkende Maßnahmen soziale Spannungen verstärken können, wenn ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisiert oder überproportional überwacht werden.
Die Terrorismusbekämpfung in Indonesien basiert somit auf einem komplexen Zusammenspiel aus einem robusten rechtlichen Rahmen, spezialisierten institutionellen Strukturen, präventiven und Deradikalisierungsprogrammen sowie internationaler Kooperation. Operative Erfolge durch Densus 88 und strategische Maßnahmen des BNPT werden durch kontinuierliche Kritik an menschenrechtlichen Standards ergänzt, was die Sicherheitsarchitektur Indonesiens sowohl leistungsfähig als auch kontrovers macht. Das Anti-Terror-System Indonesiens kombiniert harte Strafverfolgung mit umfassenden Präventionsprogrammen, um eine Balance zwischen innerer Sicherheit und gesellschaftlicher Stabilität zu gewährleisten.
Trotz massiven militärischen Drucks, erheblicher Verluste und eines deutlichen Rückgangs großangelegter Anschläge bleibt der “Islamischen Staates in Ostasien” (IS-EAP), ein relevantes, wenn auch fragmentiertes jihadistisches Netzwerk. Die Organisation bleibt weniger durch spektakuläre Gewaltakte als vielmehr durch kleinteilige Operationen, ideologische Kontinuität, mediale Präsenz und verdeckte Rekrutierung handlungsfähig.
Der IS-EAP gilt als geschwächt, aber keineswegs besiegt Die dezentrale Struktur aus lokalen Gruppierungen auf den südlichen Philippinen, die strategische Bedeutung von Führungsfiguren wie Abu Zacharia, die regionale Ausstrahlung über die Philippinen hinaus sowie die Rolle moderner Propagandaplattformen wie der East Asia Knights Media Agency zeigen seine Anpssungsfähigkeit.