Indonesien weist weiterhin eine insgesamt erhöhte terroristische Gefährdung auf, die historisch tief verwurzelt ist und sich aus einer komplexen Gemengelage jihadistischer Netzwerke, regionaler Gewaltkonflikte und separatistischer Bestrebungen speist. Obwohl die großen Anschlagswellen der frühen 2000er-Jahre – insbesondere die Bali-Bombenanschläge – durch konsequente Sicherheitsmaßnahmen, intensive Repression und internationale Kooperation eingedämmt wurden, bleibt Indonesien einer der sicherheitspolitisch relevantesten Staaten Südostasiens. Das Risiko terroristischer Gewalt ist nicht homogen verteilt, sondern unterscheidet sich deutlich nach Region, Akteursprofil und Zielsetzung.
Die aktuelle Bedrohungslage ist zweigleisig strukturiert. Einerseits bestehen weiterhin jihadistische Strukturen und Unterstützernetzwerke, die ideologisch an den sogenannten “Islamischen Staat” (IS) oder an Al-Qaida-nahe Gruppierungen anknüpfen. Indonesien war seit den frühen 2000er-Jahren wiederholt Ziel schwerer Anschläge gegen internationale Hotels, diplomatische Einrichtungen, Nachtclubs, Polizeistationen und christliche Kirchen, insbesondere in Jakarta und auf Bali. Zwar ist die ehemals dominierende “Jemaah Islamiyah” (JI) infolge massiver staatlicher Repression und ihrer formellen Selbstauflösung im Jahr 2024 organisatorisch stark geschwächt, doch haben sich Splittergruppen und neue Formationen etabliert. Die derzeit größte jihadistische Bedrohung geht von IS-nahen Akteuren wie der “Jamaah Ansharut Daulah” (JAD) aus, die Teil des transnationalen Netzwerks des “Islamischen Staates in Ostasien” (IS-EAP) sind.
Andererseits besteht in Teilen des Archipels – insbesondere in den fünf Provinzen Papuas – ein eigenständiger Gewaltkonflikt mit bewaffneten separatistischen Gruppen wie der TPNPB-OPM. Dieser Konflikt folgt weniger klassischen Terrorismusmustern als vielmehr Logiken eines asymmetrischen Aufstands: Angriffe auf Militär und Polizei, Sabotage staatlicher Infrastruktur, Entführungen sowie gezielte Gewalt gegen zivile Akteure, die als Repräsentanten des Staates wahrgenommen werden. Dadurch entsteht in Papua eine parallele Bedrohungslage, die sich deutlich von der jihadistischen Gewalt in anderen Landesteilen unterscheidet.
Die Risikoverteilung innerhalb Indonesiens ist stark raumabhängig. In urbanen Zentren wie Jakarta, Surabaya, Bandung, Medan oder Makassar sowie in touristisch exponierten Regionen wie Bali konzentriert sich das Risiko auf sogenannte „Soft Targets“. Dazu zählen internationale Hotels, Einkaufszentren, Nachtclubs, Flughäfen, Verkehrsknotenpunkte, christliche Kirchen sowie westliche oder allgemein nicht-muslimische Einrichtungen. Diese Ziele vereinen hohe Personendichte mit starker symbolischer Wirkung und waren in der Vergangenheit wiederholt Gegenstand realer Anschläge und vereitelter Planungen. Sicherheitsbehörden weisen darauf hin, dass globale Krisen – etwa Konflikte im Nahen Osten – kurzfristig mobilisierend wirken und die Anschlagsmotivation lokaler Akteure verstärken können.
In ländlichen Gebieten der Hauptinseln ist das Risiko großflächiger Anschläge geringer, jedoch spielen diese Regionen eine wichtige Rolle als Rückzugs-, Rekrutierungs- und Logistikräume. Besonders Zentralsulawesi (Poso) und die Molukken waren historisch von religiös-ethnischen Spannungen geprägt, die punktuell mit terroristischen Aktivitäten verschmolzen. In Papua ist die Lage nochmals anders gelagert: Dort richten sich Angriffe primär gegen Sicherheitskräfte, staatliche Infrastruktur und die zivile Luftfahrt. Angriffe auf Hubschrauber, Flugplätze oder Piloten – von denen auch Ausländer betroffen sein können – verdeutlichen die sicherheitsrelevante Sonderstellung dieser Region.
Die Bandbreite potenzieller Anschlagsformen ist groß. Jihadistische Akteure verfügen grundsätzlich weiterhin über das Wissen für komplexe Sprengstoffanschläge, koordinierte Attacken mit Schusswaffen und Selbstmordattentate. Gleichzeitig zeigt sich in den letzten Jahren eine deutliche Verschiebung hin zu niedrigschwelligen, schwer vorhersehbaren Gewaltformen: Messerangriffe, kleinere improvisierte Sprengsätze (IEDs), Anschläge auf Polizeiposten oder spontane Attacken durch Einzeltäter und Kleinzellen. Diese Taktiken erfordern wenig logistischen Aufwand und verkürzen die Vorwarnzeit erheblich.
Die Gewalt in Papua folgt hingegen Mustern des bewaffneten Aufstands: Hinterhalte, Beschuss von Militär- und Polizeiposten, Sabotage von Infrastruktur, Entführungen von Piloten, Bauarbeitern oder staatlichen Mitarbeitern. Ziel ist weniger mediale Symbolik als vielmehr die strategische Schwächung staatlicher Kontrolle. Insgesamt hat sich das operative Profil in Indonesien von großangelegten, zentral geplanten Anschlägen hin zu fragmentierten, dezentralen und opportunistischen Angriffen verschoben.
Indonesien spielt im regionalen Vergleich eine zentrale Rolle beim Thema Rückkehrer. Zahlreiche indonesische Staatsbürger reisten in den 2010er-Jahren nach Syrien und in den Irak oder versuchten, sich dem IS anzuschließen. Die Rückkehr einzelner Kämpfer sowie der Umgang mit in Lagern befindlichen Familien stellen die Behörden vor erhebliche Herausforderungen: Überwachung, strafrechtliche Verfolgung, Deradikalisierung und soziale Reintegration müssen gegeneinander abgewogen werden, ohne neue Radikalisierungsdynamiken zu erzeugen.
Parallel dazu hat sich die lokale Radikalisierung stark in den digitalen Raum verlagert. Online-Propaganda, Messenger-Dienste und regionale Medienstrukturen wie die East Asia Knights sprechen gezielt malaiisch- und indonesischsprachige Zielgruppen an. Ideologische Beeinflussung tritt dabei häufig an die Stelle fester organisatorischer Einbindung, was das Risiko selbstinitiierter Einzeltäter und loser Familien- oder Freundesnetzwerke erhöht.
Die indonesische Regierung hat ihre Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung seit den schweren Anschlägen der frühen 2000er-Jahre erheblich ausgeweitet und eine vergleichsweise robuste Sicherheitsarchitektur etabliert, die in Südostasien als Referenz gilt. Zentrale Säule dieser Strategie ist ein präventiv ausgerichteter Ansatz, der auf frühzeitige Identifikation, Zerschlagung von Netzwerken und Unterbindung von Anschlagsplanungen abzielt, bevor diese in eine operative Phase übergehen. Diese Schwerpunktsetzung ist eine direkte Lehre aus den Erfahrungen mit den Bali-Anschlägen und den darauffolgenden Attacken in Jakarta, die verdeutlichten, dass klassische reaktive Strafverfolgung im Umgang mit transnational vernetzten jihadistischen Akteuren nicht ausreicht.
Im operativen Kern verfügt Indonesien mit der Polizei-Spezialeinheit “Detachment 88” (Densus 88) über ein hochspezialisiertes Anti-Terror-Kommando, das international anerkannt ist. Densus 88 kombiniert nachrichtendienstliche Aufklärung, verdeckte Ermittlungen und gezielte Zugriffe gegen Verdächtige. Die Einheit agiert landesweit und hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Anschläge bereits im Planungsstadium verhindert, indem sie Zellen auflöste, Waffen und Sprengstoff sicherstellte und Schlüsselpersonen festnahm. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf unmittelbar gewaltbereiten Akteuren, sondern auch auf Unterstützernetzwerken, Logistikern und ideologischen Knotenpunkten. Diese konsequente Netzwerksprengung hat maßgeblich dazu beigetragen, dass großangelegte, komplex koordinierte Anschläge deutlich seltener geworden sind.
Rechtlich wird dieses Vorgehen durch ein seit 2018 verschärftes Anti-Terror-Gesetz gestützt. Es kriminalisiert bereits die Mitgliedschaft in terroristischen Organisationen, Unterstützungshandlungen, Ausbildung sowie Reisevorbereitungen in Konfliktgebiete und erlaubt erweiterte Präventivhaft sowie umfangreiche Überwachungsmaßnahmen. Zudem kann das Militär formell zur Unterstützung der Polizei bei der Terrorismusbekämpfung herangezogen werden, was insbesondere in schwer zugänglichen oder konfliktbelasteten Regionen wie Papua sicherheitspolitisch relevant ist. Gleichzeitig stehen diese weitreichenden Befugnisse regelmäßig im Spannungsfeld mit rechtsstaatlichen Prinzipien und Menschenrechtsfragen. Kritiker bemängeln das Risiko von Missbrauch, während Befürworter die Maßnahmen als notwendig erachten, um eine fragmentierte, schwer vorhersehbare Bedrohung effektiv einzudämmen.
Ein weiterer zentraler Pfeiler ist die internationale und regionale Kooperation. Indonesien arbeitet eng mit ASEAN-Partnern sowie mit Staaten wie Australien und den USA zusammen. Institutionen wie das “Jakarta Centre for Law Enforcement Cooperation” (JCLEC) dienen als Plattform für Ausbildung, Informationsaustausch und gemeinsame Analyse grenzüberschreitender Bewegungen radikaler Akteure. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Überwachung von Seewegen, Flughäfen und Landgrenzen, da Indonesiens archipelagische Struktur sowohl für den Schmuggel von Waffen als auch für die verdeckte Mobilität von Kämpfern anfällig ist. Diese transnationale Vernetzung der Sicherheitsarbeit ist entscheidend, um die ideologische und operative Anbindung lokaler Gruppen an globale jihadistische Strukturen zu unterbrechen.
Im Bereich der Notfallvorsorge und des Krisenmanagements zeigt sich ein heterogenes Bild. In urbanen Zentren wie Jakarta, Surabaya oder auf Bali verfügt Indonesien über vergleichsweise gut ausgebaute medizinische Kapazitäten. Große Krankenhäuser mit Notfall- und Traumaversorgung sowie organisierte Rettungsdienste sind grundsätzlich in der Lage, Anschläge mit begrenztem Massenanfall an Verletzten zu bewältigen, auch wenn dies mit erheblicher Belastung einherginge. Die Erfahrungen aus Naturkatastrophen haben zudem dazu geführt, dass Abläufe zur schnellen Mobilisierung von Ressourcen und zur interinstitutionellen Koordination etabliert wurden.
Demgegenüber stehen ländliche Regionen, abgelegene Inseln und Gebiete mit schwieriger Topographie – insbesondere in Papua oder Teilen Zentralsulawesis –, in denen große Distanzen, begrenzte Infrastruktur und witterungsabhängige Transportwege die schnelle medizinische Versorgung erheblich erschweren. In solchen Regionen können bereits kleinere Anschlagsereignisse oder militante Übergriffe unverhältnismäßig schwere humanitäre und sicherheitspolitische Folgen haben. Evakuierungen sind dort häufig nur per Luft- oder Seeweg möglich, was Zeitverzögerungen und Kapazitätsengpässe mit sich bringt.
Institutionell stützt sich Indonesien auf ein Zusammenspiel mehrerer Akteure: Die nationale Anti-Terror-Behörde **BNPT** koordiniert Prävention, Deradikalisierung und strategische Maßnahmen, während die Katastrophenschutzbehörde **BNPB** für die logistische und medizinische Notfallkoordination zuständig ist. Zwar existieren detaillierte Kriseninterventionspläne, etwa zur Abriegelung von Regierungsvierteln oder zur schnellen Verstärkung von Sicherheitskräften, doch würde ein komplexes Szenario mit parallelen Anschlägen in mehreren Städten oder gleichzeitigen Angriffen auf kritische Infrastruktur die Koordinations- und Kommunikationsfähigkeit des Staates stark fordern. Besonders in peripheren Regionen könnten medizinische Versorgung und Evakuierung rasch an ihre Grenzen stoßen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Indonesien über eine im regionalen Vergleich leistungsfähige Anti-Terror- und Krisenarchitektur verfügt, die insbesondere im präventiven Bereich große Erfolge erzielt hat. Gleichzeitig bleibt die strukturelle Verwundbarkeit eines weitläufigen Inselstaates bestehen. Die größte Herausforderung liegt weniger in der Abwehr einzelner, isolierter Anschläge als vielmehr in der Bewältigung komplexer, zeitgleicher Bedrohungslagen und der nachhaltigen Stabilisierung konfliktbelasteter Regionen wie Papua, in denen Terrorismus, Aufstandsgewalt und staatliche Autorität ineinandergreifen.
Trotz massiven militärischen Drucks, erheblicher Verluste und eines deutlichen Rückgangs großangelegter Anschläge bleibt der “Islamischen Staates in Ostasien” (IS-EAP), ein relevantes, wenn auch fragmentiertes jihadistisches Netzwerk. Die Organisation bleibt weniger durch spektakuläre Gewaltakte als vielmehr durch kleinteilige Operationen, ideologische Kontinuität, mediale Präsenz und verdeckte Rekrutierung handlungsfähig.
Der IS-EAP gilt als geschwächt, aber keineswegs besiegt Die dezentrale Struktur aus lokalen Gruppierungen auf den südlichen Philippinen, die strategische Bedeutung von Führungsfiguren wie Abu Zacharia, die regionale Ausstrahlung über die Philippinen hinaus sowie die Rolle moderner Propagandaplattformen wie der East Asia Knights Media Agency zeigen seine Anpssungsfähigkeit.