Malaysia

Malaysia weist im regionalen Vergleich Südostasiens eine insgesamt moderat erhöhte terroristische Bedrohung auf. Diese äußert sich weniger in einer hohen Zahl erfolgreicher Großanschläge als vielmehr in einer kontinuierlichen Abfolge vereitelter Planungen, Festnahmen, Propagandaaktivitäten und vereinzelter erfolgreicher Attacken. Der Terrorismusindex verzeichnet für 2024 einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr, was weniger auf eine Eskalation der Anschlagsintensität als auf eine Zunahme entdeckter Aktivitäten und Gefährder zurückzuführen ist. Die Sicherheitsbehörden agieren bislang effektiv präventiv, dennoch verdeutlichen jüngere Ereignisse, dass die Bedrohung real, dynamisch und eng mit regionalen jihadistischen Netzwerken verknüpft bleibt.

Historisch war Malaysia vor allem logistischer und finanzieller Rückzugsraum für regionale jihadistische Gruppierungen wie “Jemaah Islamiyah” (JI). Während die meisten spektakulären Anschläge dieser Organisation in Indonesien verübt wurden, nutzten JI-nahe Akteure malaysisches Territorium für Ausbildung, Geldtransfers und Rekrutierung. Seit dem Aufstieg des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) ab 2014 hat sich das Bedrohungsprofil jedoch deutlich verschoben. Malaysia entwickelte sich zu einem relevanten Rekrutierungs- und Unterstützungsraum für IS-nahe Strukturen in Südostasien. Der Granatwerferanschlag auf die Movida-Bar in Puchong 2016 markierte den ersten erfolgreichen IS-bezogenen Angriff im Land.

Mit dem tödlichen Angriff auf eine Polizeistation in Ulu Tiram (Johor) im Jahr 2024 wurde diese Entwicklung erneut bestätigt. Der Anschlag verdeutlicht einen strategischen Fokus auf Sicherheitskräfte und staatliche Symbole und unterstreicht die anhaltende Fähigkeit IS-affiner Akteure, auch nach dem territorialen Zusammenbruch des „Kalifats“ wirksam zu operieren. Parallel dazu bleibt die Nähe zu militanten Gruppierungen in den südlichen Philippinen – insbesondere zur “Abu Sayyaf Group” (ASG) – ein relevanter transnationaler Risikofaktor, vor allem für Ostmalaysia.

Das Risiko ist geografisch klar differenziert. Urbane Zentren wie Kuala Lumpur, Putrajaya und Johor Bahru stellen die primären Risikoräume dar. Hier ballen sich sogenannte „Soft Targets“ mit hoher Symbolik und Personendichte: Einkaufszentren, Unterhaltungsviertel, Bars und Restaurants, religiöse Einrichtungen, Regierungsgebäude sowie diplomatische Vertretungen westlicher und regionaler Staaten. Auch Verkehrsknotenpunkte – Flughäfen, Bahnhöfe sowie LRT- und MRT-Systeme – gelten als potenzielle Zielobjekte mit hohem Schadens- und Medienpotenzial.

In ländlichen Gebieten ist das unmittelbare Anschlagsrisiko geringer, doch können diese Räume als Rückzugs-, Rekrutierungs- oder Trainingsgebiete dienen. Eine Sonderrolle nimmt Sabah ein: Die Küsten- und Inselregionen Ostmalaysias bleiben aufgrund der Nähe zu den südlichen Philippinen anfällig für grenzüberschreitende Überfälle, Entführungen und maritime Gewaltakte durch ASG-nahe Akteure. Diese Bedrohung ist weniger ideologisch-symbolisch, sondern häufig hybrid aus Terrorismus, organisierter Kriminalität und Entführungsökonomie geprägt.

Die wahrscheinlichsten Anschlagsformen in Malaysia sind niedrigschwellige Taktiken durch Einzeltäter oder Kleinstgruppen. Dazu zählen Messer- und Schusswaffenangriffe, kleinere improvisierte Sprengsätze (IEDs) sowie gezielte Attacken auf Polizeistationen oder staatliche Einrichtungen. Der Fall Ulu Tiram 2024 illustriert die besondere Verwundbarkeit lokaler Sicherheitsstrukturen. Komplexe, koordinierte Massenanschläge bleiben zwar möglich, sind jedoch aufgrund der effektiven Sicherheitsarchitektur und frühzeitiger Eingriffe bislang selten geblieben. Ergänzend besteht ein maritimes Bedrohungsmuster in Ostmalaysia, das Entführungen und bewaffnete Überfälle einschließt.


Eine zentrale Herausforderung für Malaysia bleibt der Umgang mit Rückkehrern aus Syrien, Irak und regionalen Konfliktzonen. Zahlreiche malaysische Staatsbürger schlossen sich in den 2010er-Jahren dem IS an und wirkten dort als Kämpfer, Ausbilder oder Propagandisten. Rückkehrer – ebenso wie inhaftierte oder freigelassene Unterstützer – verfügen potenziell über operative Erfahrung, Netzwerke und ideologische Autorität.

Parallel dazu zeigt sich ein klarer Trend zur Selbst­radikalisierung über Online-Plattformen. IS-nahe Medienstrukturen verbreiten gezielt Propaganda in malaiischer Sprache, um regionale Zielgruppen anzusprechen. Viele der seit 2016 festgenommenen Akteure handelten ohne direkte externe Steuerung, waren jedoch ideologisch inspiriert und kurzfristig mobilisierbar. Dieses Muster verschiebt die Bedrohung von klar identifizierbaren Organisationen hin zu einem diffuseren Spektrum individueller Gefährder.

Das Gefährderpotenzial in Malaysia ist weniger durch klar abgegrenzte, hierarchisch organisierte Terrorgruppen als durch ein diffuses Spektrum von Sympathisanten, Rückkehrern und selbst-radikalisierten Einzelpersonen geprägt. Die Sicherheitsbehörden überwachen eine signifikante Zahl von Personen, die ideologische Nähe zum „Islamischen Staat“ (IS) oder zu regionalen jihadistischen Netzwerken aufweisen. Das zentrale Risiko besteht darin, dass lokale Kleinstgruppen oder isolierte Individuen durch externe Impulse – etwa Propaganda, Ereignisse im Ausland oder direkte Kontaktaufnahmen über verschlüsselte Kommunikationskanäle – kurzfristig zu Gewalthandlungen aktiviert werden. Diese Dynamik erschwert klassische Gefahrenprognosen, da Planungsphasen oft kurz sind und operative Vorbereitung mit einfachen Mitteln erfolgt.

Als Reaktion auf dieses Bedrohungsprofil verfolgt Malaysia seit Mitte der 2010er-Jahre eine stark präventiv ausgerichtete Anti-Terror-Strategie. Polizei und Spezialeinheiten der Royal Malaysia Police (RMP) führen regelmäßig Razzien, gezielte Festnahmen und Überwachungsmaßnahmen gegen mutmaßliche Terroristen und Sympathisanten durch. Seit 2014 wurden auf diese Weise mehr als hundert Personen mit IS-Bezug festgenommen; zahlreiche Anschlagspläne konnten bereits in der Vorbereitungsphase unterbunden werden. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Sicherheitsarchitektur primär auf Vorfeldintervention setzt und weniger auf reaktive Strafverfolgung nach erfolgten Anschlägen.

Rechtliche Grundlage dieses Ansatzes sind vor allem zwei Sondergesetze. Der “Security Offences Act 2012” (SOSMA) fungiert als prozedurales Instrument und ersetzt im Terrorismuskontext teilweise die reguläre Strafprozessordnung. Er erlaubt erweiterte Festnahme- und Ermittlungsbefugnisse, längere Untersuchungshaft und erleichterte Beweisführung. Ergänzend wirkt der “Prevention of Terrorism Act 2015” (POTA) als präventives Internierungsgesetz, das Verdächtige ohne formelle Anklage bis zu zwei Jahre – mit Verlängerungsoption – festhalten kann und auch administrative Auflagen wie Meldepflichten oder Einschränkungen der Internetnutzung vorsieht. Befürworter sehen darin ein notwendiges Mittel, um Anschläge frühzeitig zu verhindern; Kritiker verweisen hingegen auf erhebliche Spannungen mit rechtsstaatlichen Prinzipien und Menschenrechtsstandards.

Über die Gesetzgebung hinaus setzt Malaysia auf intensive Grenz- und Küstensicherung, insbesondere in Ostmalaysia (Sabah), wo Seegrenzen und Inselräume als Einfallstore für militante Akteure gelten. Gleichzeitig ist die internationale Kooperation ein zentraler Pfeiler der Sicherheitsstrategie. Der enge Austausch mit ASEAN-Partnern, insbesondere Singapur, Indonesien und den Philippinen, sowie mit weiteren internationalen Akteuren ermöglicht Informationsaustausch, gemeinsame Operationen und Kapazitätsaufbau gegen transnationale Netzwerke.

Im Bereich der Notfallvorsorge verfügt Malaysia über ein vergleichsweise gut entwickeltes Gesundheitssystem, insbesondere in den urbanen Ballungsräumen. Große Krankenhäuser in Kuala Lumpur, Penang oder Johor Bahru verfügen über Notfall- und Traumakapazitäten, die bei Einzelanschlägen oder begrenzten Massenanfall-Szenarien in der Regel ausreichend sind. Rettungsdienste und Katastrophenschutzmechanismen, die primär auf Verkehrsunfälle, Naturkatastrophen und industrielle Störfälle ausgerichtet sind, lassen sich grundsätzlich auch auf Terrorlagen übertragen.

Strukturelle Schwächen zeigen sich jedoch in ländlichen und peripheren Regionen, vor allem in Sabah und auf entlegenen Inseln. Dort führen große Distanzen, begrenzte medizinische Ausstattung und Abhängigkeit von Wetterbedingungen zu einer erhöhten Verwundbarkeit. In solchen Szenarien wären Luft- oder See-Evakuierungen entscheidend, was Zeitverluste und Koordinationsprobleme mit sich bringen kann. Das nationale Krisenmanagement, koordiniert über den National Security Council, wird regelmäßig durch ressortübergreifende Übungen getestet. Gleichwohl würde ein komplexes Mehrfachanschlagsszenario oder ein Angriff mit gravierenden Schäden an kritischer Infrastruktur die Kapazitäten erheblich belasten und insbesondere in Randregionen zu Engpässen bei medizinischer Versorgung und behördlicher Kommunikation führen.

Trotz massiven militärischen Drucks, erheblicher Verluste und eines deutlichen Rückgangs großangelegter Anschläge bleibt der “Islamischen Staates in Ostasien” (IS-EAP), ein relevantes, wenn auch fragmentiertes jihadistisches Netzwerk. Die Organisation bleibt weniger durch spektakuläre Gewaltakte als vielmehr durch kleinteilige Operationen, ideologische Kontinuität, mediale Präsenz und verdeckte Rekrutierung handlungsfähig.

Der IS-EAP gilt als geschwächt, aber keineswegs besiegt Die dezentrale Struktur aus lokalen Gruppierungen auf den südlichen Philippinen, die strategische Bedeutung von Führungsfiguren wie Abu Zacharia, die regionale Ausstrahlung über die Philippinen hinaus sowie die Rolle moderner Propagandaplattformen wie der East Asia Knights Media Agency zeigen seine Anpssungsfähigkeit.

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