Ungarn galt im europäischen Vergleich traditionell als Land mit einem sehr geringen Risiko für dschihadistischen Terrorismus. Historisch kam es kaum zu nennenswerten Anschlägen islamistischer Gruppen; das Land fungierte primär als Transitroute entlang der sogenannten „Balkanroute“ für Akteure auf dem Weg nach Westeuropa.
Die Bedrohungslage hat sich jedoch im Jahr 2025 durch politische und transnationale Entwicklungen gewandelt. Ein zentraler Aspekt ist die Neudefinition terroristischer Gruppen: Im September 2025 stufte die ungarische Regierung mehrere Antifa-Gruppierungen nach Vorfällen bei den „Tag der Ehre“-Gedenkfeiern als terroristische Organisationen ein. Damit rückt der gewaltbereite Linksextremismus stärker in den Fokus der Sicherheitsbehörden. Transnational bleibt die Nähe zum Ukraine-Konflikt ein Risikofaktor, insbesondere durch potenziellen illegalen Waffenhandel und die Instabilität in der Grenzregion, die als Einfallstor für hybride Bedrohungen gilt.
Das terroristische Risiko ist geografisch stark asymmetrisch verteilt. Urbane Zentren, allen voran Budapest, stellen die einzigen echten Primärziele dar. Hier konzentrieren sich potenzielle „Soft Targets“ wie das Parlamentsgebäude, internationale Hotels, touristische Zentren sowie jüdische Einrichtungen (z. B. die Große Synagoge in der Dohány utca), bei denen das Risiko antisemitischer Attacken durch radikalisierte Einzeltäter leicht erhöht ist. Ländliche Gebiete gelten als relativ risikoarm; sie können höchstens als Logistikräume für Schmuggelaktivitäten oder verdeckte Treffen dienen.
Die wahrscheinlichsten Anschlagsarten sind niedrigschwellige Attacken durch Einzeltäter, etwa mit Messern oder Fahrzeugen, politisch motivierte Sabotageakte sowie gewaltsame Ausschreitungen bei Demonstrationen. Historisch zeigten Ereignisse wie die rechtsextreme Anschlagsserie der „Ungarischen Arrows National Liberation Army“ oder Brand- und Schusswaffenattacken auf Roma und politische Gegner, dass Gewalt durch extremistische Akteure auch in Ungarn eine reale Bedrohung darstellt. Der Nagelbombenanschlag am Oktogon in Budapest 2016 verdeutlicht, dass Täter sowohl terroristische Taktiken als auch kriminelle Motive verbinden können. Der Terrorismusindex bewertet Ungarn seit Jahren mit 0 Punkten, was die Abwesenheit regelmäßig auftretender Anschläge widerspiegelt, jedoch seltene, potenziell schwere Ereignisse nicht ausschließt.
Im Vergleich zu westeuropäischen Staaten ist das Potenzial für dschihadistische Radikalisierung minimal. Ungarn verzeichnete kaum Staatsbürger, die als „Foreign Terrorist Fighters“ in den Irak oder nach Syrien gingen. Die Überwachung konzentriert sich daher auf Personen, die über die serbische Grenze in den Schengen-Raum gelangen wollen. Radikalisierung findet vor allem online über Plattformen wie Telegram oder TikTok statt, häufig unter Migranten im Transit. Trotz geringer Zahlen bleibt die Gefahr der lokalen Radikalisierung durch internationale Netzwerke und Onlinepropaganda bestehen. Auch rechtsextreme und linksextreme Ideologien können Anknüpfungspunkte bieten, während radikale Einzelpersonen ohne Organisationseinbindung kurzfristig zu Tätern werden können.
Die ungarische Anti-Terror-Strategie ist stark zentralisiert und repressiv. Das 2010 gegründete Terrorelhárítási Központ (TEK) ist die primäre Instanz: personell und technisch hoch ausgestattet, direkt dem Innenministerium unterstellt, zuständig für Terrorabwehr, Personenschutz, Festnahmen und taktische Operationen. TEK kooperiert eng mit Polizei und Militär. Nach den Anschlägen 2015/2016 wurden Mittel, Präsenz und Bereitschaft insbesondere in Budapest erhöht.
Die Regierung verknüpft Migration und Terrorismus eng: Grenzkontrollen an der Südgrenze sollen das Einsickern extremistischer Akteure verhindern, während EU-Umverteilungsmechanismen abgelehnt werden. Ein abgestuftes Terrorwarnsystem mit vier Bedrohungsstufen erlaubt dem Innenminister, auf Basis interministerieller Empfehlungen Sicherheitsmaßnahmen wie erhöhte Polizeipräsenz, Kontrollen kritischer Infrastruktur und gegebenenfalls Grundrechtseinschränkungen zu veranlassen. Überwachungskapazitäten umfassen Kommunikation, Finanztransaktionen und Sonderrechte bei Gefahr, einschließlich Abschaltung von Telefon- oder Internetnetzen.
Ungarn verfügt über ein funktionierendes Krisenmanagement mit militärischer Prägung. In Budapest und größeren Städten sichern spezialisierte Traumazentren und Militärkrankenhäuser die Versorgung bei Großschadensereignissen. Das System kombiniert städtische Rettungsdienste, regionale Krankenhäuser, Katastrophenschutzstrukturen und nationales Krisenmanagement. Internationale Beobachter weisen jedoch darauf hin, dass Mehrfachanschläge oder Lagen mit hoher Opferzahl die Kapazitäten rasch an ihre Grenzen bringen könnten.
In Europa ist ein besorgniserregender Anstieg der Zahl jugendlicher Terroristen zu verzeichnen. 2024 wurden insgesamt 58 Terroranschläge oder vereitelte Anschläge registriert, darunter 24 islamistisch motivierte. Im Vergleich zum Vorjahr mit nur 14 ähnlichen Vorfällen stellt dies einen erheblichen Anstieg dar.
Besonders alarmierend ist die zunehmende Beteiligung von Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren. Fast 70 solcher Fälle wurden dokumentiert, wobei die Radikalisierung dieser jungen Menschen häufig über Online-Plattformen erfolgt, auf denen extremistische Gruppen gezielt Kontakt aufnehmen.
Die Mehrheit der Täter agiert als sogenannte “einsame Wölfe”, was ihre Identifikation und Verhinderung erschwert. Typische Angriffsformen sind Messerattacken und Fahrzeugrammungen; Schusswaffeneinsätze sind seltener. Trotz der steigenden Zahl von Anschlägen zeigt die Statistik, dass durch präventive Maßnahmen fast 300 Personen festgenommen wurden, was die Bedeutung frühzeitiger Intervention unterstreicht.
In Ländern wie Spanien, Deutschland und Italien wurden jeweils zwischen 60 und 80 Personen festgenommen, während in Griechenland hauptsächlich linksextremistische und anarchistische Aktivitäten im Fokus stehen. In Österreich und Litauen sind nur wenige Vorfälle bekannt. In Ungarn wurde bislang nur eine Person festgenommen.
Seit 2017 sind erhebliche Fortschritte in den europäischen Sicherheitsbehörden erzielt worden, was zu einer drastischen Reduzierung schwerer, massenhaft Opfer fordernder Anschläge geführt hat. Dennoch bleibt die Bedrohung durch jugendliche Extremisten eine ernsthafte Herausforderung.