Österreich weist insgesamt eine vergleichsweise niedrige, jedoch dauerhaft latente terroristische Bedrohung auf. Diese manifestiert sich weniger in einer hohen Frequenz tatsächlicher Anschläge als vielmehr in einem kontinuierlichen Gefährdungspotenzial, das vor allem von jihadistisch-islamistischen Netzwerken, radikalisierten Einzeltätern und Kleinstzellen ausgeht. Andere Extremismusformen – insbesondere rechts- und linksextreme Milieus – sind zwar sicherheitsrelevant, bewegen sich derzeit jedoch überwiegend im Vorfeld strafbarer Gewalt. Die sicherheitspolitische Herausforderung besteht somit weniger in der Quantität als in der Unvorhersehbarkeit und potenziellen Eskalationsfähigkeit einzelner Akteure.
Der islamistisch motivierte Terroranschlag vom 2. November 2020 in Wien mit vier Todesopfern und zahlreichen Verletzten markierte einen Wendepunkt in der österreichischen Sicherheitsarchitektur. Er widerlegte nachhaltig die lange vorherrschende Annahme, Österreich sei primär Transit- oder Rückzugsraum extremistischer Akteure, nicht aber selbst Ziel terroristischer Gewalt. In der Folge kam es zu einer Neubewertung der nationalen Bedrohungslage, zu institutionellen Reformen im Staatsschutz sowie zu einer Intensivierung präventiver und repressiver Maßnahmen. Zwar sank der internationale Terrorismusindex Österreichs nach dem Jahr 2020 wieder deutlich, doch dieser statistische Rückgang darf nicht über die fortbestehenden strukturellen Risiken hinwegtäuschen.
Zentral bleibt die Präsenz jihadistischer Unterstützerstrukturen und ideologischer Netzwerke, die durch transnationale Verbindungen – insbesondere nach Deutschland, auf den Westbalkan und in andere EU-Staaten – stabilisiert werden. Diese Strukturen sind weniger auf komplexe, langfristig geplante Großanschläge ausgelegt, sondern begünstigen die Entstehung von Einzeltätern oder Kleinstzellen, die mit geringem logistischem Aufwand und kurzer Vorwarnzeit agieren. Die Gefahr liegt damit vor allem in niedrigschwelligen, opportunistischen Angriffsszenarien.
Besonders exponiert sind sogenannte „weiche Ziele“ in urbanen Räumen. Dazu zählen belebte Ausgehviertel, Fußgängerzonen, Großveranstaltungen, Verkehrsknotenpunkte sowie religiöse Einrichtungen, insbesondere jüdische Objekte. Der Wiener Anschlag von 2020 verdeutlichte exemplarisch, wie stark Symbolik, hohe Personendichte und mediale Aufmerksamkeit die Zielwahl beeinflussen. Ergänzend rücken zunehmend kritische Infrastrukturen in den Fokus moderner Bedrohungsszenarien. Die Sicherheitsstrategie 2024 hebt explizit Risiken für Energie-, Verkehrs-, Kommunikations- und digitale Systeme hervor, wobei physische Angriffe, Cyberoperationen und Desinformation zunehmend miteinander verschränkt auftreten.
Geografisch zeigt sich ein klares Stadt-Land-Gefälle. Während urbane Zentren – allen voran Wien – aufgrund ihrer politischen, kulturellen und internationalen Bedeutung das höchste unmittelbare Anschlagsrisiko tragen, spielen ländliche Räume eine andere Rolle. Sie dienen potenziell als Rückzugs-, Radikalisierungs- oder Logistikräume, in denen sich extremistische Aktivitäten weniger sichtbar entfalten können. Die jüngsten vereitelten Anschlagspläne außerhalb urbaner Zentren unterstreichen diese funktionale Arbeitsteilung im Bedrohungsbild.
Ein weiterer kritischer Faktor ist das Personenpotenzial im Inland. Österreich verzeichnete im europäischen Vergleich eine hohe Pro-Kopf-Zahl an sogenannten „Foreign Terrorist Fighters“, darunter auch Rückkehrer aus Syrien und dem Irak. Der Wiener Attentäter von 2020 war selbst einschlägig vorbestraft und bereits inhaftiert gewesen, was die sicherheitspolitische Relevanz von Haftentlassungen, Bewährungsphasen und Nachbetreuung verdeutlicht. Gleichzeitig verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend hin zu lokal radikalisierten Personen, die ohne direkte Steuerung aus Konfliktgebieten agieren. Digitale Radikalisierung über soziale Medien und Messenger-Dienste senkt die Einstiegshürden erheblich, insbesondere für Jugendliche.
Seit dem Terroranschlag in Wien im November 2020 hat Österreich seine sicherheitspolitischen Instrumente deutlich nachgeschärft und strukturell neu ausgerichtet. Die staatliche Reaktion ist dabei von einem präventiv-repressiven Ansatz geprägt, der sowohl gesetzliche, organisatorische als auch operative Ebenen umfasst. Ziel ist es, Bedrohungssignale früher zu erkennen, extremistisches Personenpotenzial enger zu überwachen und im Ernstfall schneller sowie robuster reagieren zu können.
Zentraler Baustein ist die institutionelle Neuordnung des Staatsschutzes. Mit der Einrichtung der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) sowie der Landesämter für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) wurde eine moderne, stärker integrierte Sicherheitsarchitektur geschaffen. Diese Struktur soll Defizite der Vergangenheit – insbesondere Informationsverluste, Schnittstellenprobleme und mangelnde Koordination – nachhaltig beheben. Der Fokus liegt auf verbesserter Analysefähigkeit, enger Verzahnung von Nachrichtendienst und Polizei sowie einem systematischen Gefährdermanagement.
Parallel dazu wurden die gesetzlichen Grundlagen im Bereich Terrorismusbekämpfung verschärft. Mehrere Anti-Terror-Pakete erweiterten Überwachungsbefugnisse, verschärften Strafrahmen und ermöglichten ein konsequenteres Vorgehen gegen Unterstützerstrukturen. Insbesondere die Ausweitung des Vereinsrechts erlaubt es Behörden, extremistische Vereine und Tarnorganisationen frühzeitig zu untersagen und aufzulösen, noch bevor es zu konkreten Anschlagsvorbereitungen kommt. Gerichtsverfahren gegen Unterstützer des Wiener Attentäters, die teils in lebenslangen Haftstrafen mündeten, senden dabei ein klares Signal strafrechtlicher Konsequenz und unterstreichen den politischen Willen, terroristische Netzwerke konsequent zu zerschlagen.
Operativ wurde die Überwachung extremistischer Szenen intensiviert. Dazu zählen verstärkte Observation, digitale Auswertung von Kommunikationsströmen sowie internationale Fahndungs- und Ermittlungsformate. Regelmäßige „Joint Action Days“ im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) dienen der koordinierten Bekämpfung transnationaler Netzwerke, insbesondere im Bereich illegaler Waffenhandel, Finanzierung und logistischer Unterstützung. Österreich ist dabei eng in europäische und internationale Kooperationsmechanismen eingebunden, etwa über Europol, Interpol und bilaterale Nachrichtendienstpartnerschaften. Diese internationale Vernetzung wird in strategischen Dokumenten ausdrücklich als Schlüssel zur wirksamen Terrorismusbekämpfung hervorgehoben, da Bedrohungen zunehmend grenzüberschreitend und hybrid auftreten.
Ergänzend wurden Grenzkontrollen im Rahmen der EU- und Schengen-Regelungen punktuell verstärkt. Diese Maßnahmen erfolgen lageabhängig, etwa bei erhöhter Terrorwarnstufe, großen internationalen Ereignissen oder eskalierenden geopolitischen Konflikten. Auch wenn Grenzkontrollen kein Allheilmittel darstellen, erhöhen sie kurzfristig die Entdeckungswahrscheinlichkeit reisender Gefährder und wirken abschreckend gegenüber opportunistischen Akteuren.
Neben präventiven und repressiven Maßnahmen spielt die Notfallvorsorge eine zentrale Rolle in der österreichischen Sicherheitsstrategie. Als wohlhabendes EU-Land verfügt Österreich über vergleichsweise gut ausgebaute Rettungs-, Katastrophen- und Krankenhausstrukturen. Der Anschlag in Wien 2020 stellte diese Systeme vor eine extreme Belastungsprobe, zeigte jedoch zugleich ihre grundsätzliche Funktionsfähigkeit. Innerhalb kurzer Zeit konnten zahlreiche Schwerverletzte medizinisch versorgt werden, was die Bedeutung leistungsfähiger Traumazentren, eingespielter Abläufe und ausreichender personeller Ressourcen unterstrich.
Das staatliche Krisen- und Katastrophenmanagement (SKKM) bildet dabei den organisatorischen Rahmen für die Bewältigung außergewöhnlicher Lagen. Es setzt auf ressortübergreifende Koordination zwischen Innen-, Verteidigungs-, Gesundheits- und Infrastrukturressorts sowie auf die enge Einbindung von Landesbehörden und Blaulichtorganisationen. Die nationale Sicherheitsstrategie betont explizit den Ausbau von Redundanzen in kritischen Bereichen, die Stärkung von Krisenmanagementfähigkeiten und den Schutz vor „systemischen Risiken“. Darunter fallen nicht nur klassische Terroranschläge, sondern auch hybride Szenarien, bei denen physische Gewalt mit Cyberangriffen, Desinformation oder der gezielten Störung kritischer Infrastrukturen kombiniert wird.
Der Zivilschutz stellt einen weiteren tragenden Pfeiler der Resilienz dar. Rund 300.000 Einsatzkräfte, darunter ein hoher Anteil ehrenamtlicher Helfer, sichern die Reaktionsfähigkeit auf regionaler und lokaler Ebene. Die Ressourcenallokation folgt dabei risikobasierten Modellen, in denen Bedrohung, Verwundbarkeit und vorhandene Schutzmaßnahmen gegeneinander abgewogen werden. Evakuierungs- und Einsatzpläne für urbane Zentren werden regelmäßig in großangelegten Übungen überprüft und angepasst, um Abläufe zu optimieren und Schnittstellenprobleme frühzeitig zu identifizieren.
Gleichzeitig zeigen sicherheitspolitische Fachdiskussionen, dass weiterer Entwicklungsbedarf besteht. Komplexe Lagen mit mehreren zeitgleichen Angriffen, länger andauernden Krisen oder einer starken Cyberkomponente stellen hohe Anforderungen an Führung, Kommunikation und Durchhaltefähigkeit. Die Herausforderung besteht darin, nicht nur punktuell leistungsfähig zu reagieren, sondern eine durchgehend resiliente Sicherheitsarchitektur zu gewährleisten, die sowohl städtische Ballungsräume als auch ländliche Regionen abdeckt.
Nach Angaben der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) sind den österreichischen Behörden rund 330 Personen bekannt, die sich in den vergangenen Jahren dem sogenannten Jihad angeschlossen haben. Sie reisten nach Syrien und in den Irak, um sich dem „Islamischen Staat“ (IS) oder ähnlichen Gruppierungen anzuschließen oder dies zu beabsichtigten.
Ein Teil von ihnen kam in den Bürgerkriegsgebieten ums Leben, bei anderen ist der Aufenthaltsort unklar oder leben wieder in Europa. Nur ein Bruchteil soll sich noch in den ehemaligen IS-Kontrollgebieten befinden.
Österreich wurde in den vergangenen Jahren mehrfach mit islamistischem Terror und Extremismus konfrontiert. Besonders in Erinnerung bleibt der Terroranschlag in der Wiener Innenstadt im November 2020, bei dem vier Menschen getötet wurden. Auch die jüngst vereitelten Anschlagspläne gegen ein Taylor-Swift-Konzert in Wien 2024 zeigten, dass radikalislamische Netzwerke nach wie vor aktiv sind.
Diese Fälle machen deutlich: Es gibt in Österreich eine kleine, aber hochproblematische islamistische Szene, die Sicherheitsbehörden seit Jahren beschäftigt.
Nach Angaben der DSN gibt es derzeit keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne in Österreich. Dennoch bewerten die Sicherheitsbehörden die Gefährdungslage weiterhin als ernst. Islamistische Organisationen hätten ihre Anhänger in den vergangenen Jahren wiederholt über soziale Medien dazu aufgefordert, „mit allen verfügbaren Mitteln“ den terroristischen Jihad fortzuführen.
Die Sicherheitsbehörden verweisen zudem darauf, dass internationale Krisen und Konflikte – etwa im Nahen Osten – immer wieder Wellenbewegungen in der Terrorgefahr nach sich ziehen. Ereignisse, die die muslimische Welt erschüttern, können auch in Europa kurzfristig zu einer erhöhten Gefahr führen.
In Europa ist ein besorgniserregender Anstieg der Zahl jugendlicher Terroristen zu verzeichnen. 2024 wurden insgesamt 58 Terroranschläge oder vereitelte Anschläge registriert, darunter 24 islamistisch motivierte. Im Vergleich zum Vorjahr mit nur 14 ähnlichen Vorfällen stellt dies einen erheblichen Anstieg dar.
Besonders alarmierend ist die zunehmende Beteiligung von Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren. Fast 70 solcher Fälle wurden dokumentiert, wobei die Radikalisierung dieser jungen Menschen häufig über Online-Plattformen erfolgt, auf denen extremistische Gruppen gezielt Kontakt aufnehmen.
Die Mehrheit der Täter agiert als sogenannte “einsame Wölfe”, was ihre Identifikation und Verhinderung erschwert. Typische Angriffsformen sind Messerattacken und Fahrzeugrammungen; Schusswaffeneinsätze sind seltener. Trotz der steigenden Zahl von Anschlägen zeigt die Statistik, dass durch präventive Maßnahmen fast 300 Personen festgenommen wurden, was die Bedeutung frühzeitiger Intervention unterstreicht.
In Ländern wie Spanien, Deutschland und Italien wurden jeweils zwischen 60 und 80 Personen festgenommen, während in Griechenland hauptsächlich linksextremistische und anarchistische Aktivitäten im Fokus stehen. In Österreich und Litauen sind nur wenige Vorfälle bekannt. In Ungarn wurde bislang nur eine Person festgenommen.
Seit 2017 sind erhebliche Fortschritte in den europäischen Sicherheitsbehörden erzielt worden, was zu einer drastischen Reduzierung schwerer, massenhaft Opfer fordernder Anschläge geführt hat. Dennoch bleibt die Bedrohung durch jugendliche Extremisten eine ernsthafte Herausforderung.