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Wenn Kriege erstarren, gewinnt der Terror an Bedeutung

Die militärischen Fronten im Nahen Osten mögen sich in Teilen verfestigen – die sicherheitspolitische Dynamik der Region ist deshalb keineswegs zum Stillstand gekommen. Im Gegentei …

Die militärischen Fronten im Nahen Osten mögen sich in Teilen verfestigen – die sicherheitspolitische Dynamik der Region ist deshalb keineswegs zum Stillstand gekommen. Im Gegenteil: Je länger Konflikte ohne politische Lösung fortbestehen, desto größer wird die Gefahr, dass staatliche und nichtstaatliche Akteure wieder verstärkt auf asymmetrische Mittel setzen. Terrorismus kann dabei zu einem Instrument werden, mit dem Akteure versuchen, festgefahrene Konflikte zu internationalisieren, Aufmerksamkeit zu erzeugen und den politischen oder wirtschaftlichen Druck auf ihre Gegner zu erhöhen.

Die Bedrohung durch jihadistischen und politisch motivierten Terrorismus ist dabei keineswegs verschwunden. Sie wurde in den vergangenen Jahren jedoch von den offenen Kriegen im Nahen Osten überlagert. Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die anschließenden militärischen Auseinandersetzungen haben die sicherheitspolitische Aufmerksamkeit vor allem auf konventionelle Operationen, Raketenangriffe und regionale Machtkonflikte gelenkt. Gleichzeitig bestehen terroristische Strukturen und entsprechende ideologische Milieus fort. Besonders komplex wird die Lage, wenn potenzielle Täter nicht unmittelbar in die Strukturen einer Organisation eingebunden sind, sondern eigenständig handeln.

Solche selbstaktivierten Einzeltäter stellen Sicherheitsbehörden vor besondere Herausforderungen. Anders als bei hierarchisch organisierten Gruppen müssen keine umfangreichen Kommunikations- oder Unterstützungsstrukturen vorhanden sein. Politische Konflikte, persönliche Frustration und ideologische Radikalisierung können sich miteinander verbinden, ohne dass eine unmittelbare Steuerung durch eine terroristische Organisation nachweisbar ist. Das macht die Früherkennung entsprechend schwierig.

Daneben bleibt die Möglichkeit bestehen, dass etablierte Organisationen versuchen, den regionalen Konflikt wieder stärker über die Grenzen des Nahen Ostens hinauszutragen. Für Gruppen wie Hamas oder Hisbollah könnte international sichtbare Gewalt ein Mittel sein, politische Aufmerksamkeit zu erzeugen und den Konflikt auf neue Schauplätze auszuweiten. Ob und in welchem Umfang solche Absichten tatsächlich bestehen, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Fest steht jedoch: Terrorismus kann nicht nur als militärisches Instrument verstanden werden, sondern auch als Kommunikationsstrategie.

Eine weitere sicherheitspolitische Dimension ergibt sich aus der Rolle Irans. Teheran verfügt über ein weitreichendes Netzwerk verbündeter und unterstützter Akteure in der Region. Sollte der Druck auf die iranische Führung weiter steigen, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, dass neben konventionellen und hybriden Mitteln auch asymmetrische Instrumente an Bedeutung gewinnen. Aussagen über konkrete Vergeltungspläne oder bevorstehende Anschläge müssen dabei jedoch von nachweisbaren Entwicklungen getrennt werden. Insbesondere bei möglichen Rachemotiven im Zusammenhang mit der Tötung iranischer Führungspersönlichkeiten ist eine belastbare Bewertung nur auf Grundlage verifizierter Informationen möglich.

Für die internationale Sicherheitslage ergibt sich daraus ein zunehmend fragmentiertes Bedrohungsbild. Es geht nicht um die einfache Rückkehr zum Terrorismus der 2000er-Jahre. Wahrscheinlicher ist eine Mischung aus unterschiedlichen Akteuren und Handlungsmustern: selbstaktivierte Einzeltäter, organisierte Terrorgruppen, staatlich unterstützte Netzwerke und Akteure, die terroristische Methoden mit politischen oder militärischen Zielen verbinden.

Besonders relevant sind dabei Bereiche mit internationaler Reichweite. Der zivile Luftverkehr, diplomatische Einrichtungen, israelische und jüdische Einrichtungen sowie Einrichtungen mit Bezug zu den USA können aufgrund ihrer politischen Symbolik und internationalen Vernetzung besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ein einzelner schwerwiegender Vorfall kann dabei weitreichende politische Folgen haben, selbst wenn die unmittelbaren materiellen Schäden begrenzt bleiben.

Die zentrale Herausforderung für Sicherheitsbehörden besteht deshalb weniger in der Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden neuen Terrorwelle als in der zunehmenden Unübersichtlichkeit der Bedrohung. Regionale Kriege können terroristische und asymmetrische Gewalt nicht nur unmittelbar hervorbringen, sondern auch neue Motive, Netzwerke und Gelegenheiten schaffen. Je länger politische Konflikte ungelöst bleiben, desto größer wird der Anreiz für einzelne Akteure, auf Mittel zurückzugreifen, die mit vergleichsweise begrenzten Ressourcen internationale Wirkung erzielen können.

Damit verschiebt sich auch die Aufgabe der Terrorismusbekämpfung. Entscheidend wird sein, unterschiedliche Formen politischer Gewalt voneinander zu unterscheiden: zwischen eigenständig handelnden Personen, organisierten terroristischen Strukturen und staatlich unterstützten Netzwerken. Erst diese Differenzierung ermöglicht eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Bedrohung.

Der Nahostkonflikt bleibt damit nicht nur eine regionale sicherheitspolitische Herausforderung. Seine Auswirkungen können sich über Grenzen hinweg ausbreiten – nicht zwangsläufig durch eine neue große Terrororganisation, sondern durch eine Vielzahl kleinerer, miteinander verbundener oder voneinander unabhängiger Akteure. Gerade diese Fragmentierung macht die gegenwärtige Bedrohung schwerer vorhersehbar.

US-Abzug aus dem Irak: Neue Sicherheitsrisiken zwischen IS und Iran-nahen Milizen

Mit dem vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30. September 2026 endet die langjährige amerikanische Militärpräsenz im Rahmen des internationalen Kampfes gegen de …

Mit dem vollständigen Abzug der US-Streitkräfte aus dem Irak am 30. September 2026 endet die langjährige amerikanische Militärpräsenz im Rahmen des internationalen Kampfes gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS). Die Verantwortung für die Sicherheitslage liegt damit künftig noch stärker bei der irakischen Regierung und ihren Sicherheitskräften. Der Abzug verändert zugleich die bisherige Sicherheitsarchitektur des Landes, da mit den US-Streitkräften ein wichtiger Faktor für militärische Aufklärung, Abschreckung und Unterstützung wegfällt.

Für die Sicherheitslage zeichnen sich insbesondere zwei Risikofelder ab. Zum einen verfügt der IS weiterhin über dezentrale Strukturen und Schläferzellen, insbesondere in schwer kontrollierbaren Gebieten im Norden des Landes. Berichte über verstärkte Aktivitäten im Raum Kirkuk nähren die Sorge, dass die Organisation versuchen könnte, die veränderte Sicherheitslage für Anschläge und eine Ausweitung ihrer Aktivitäten zu nutzen.

Zum anderen könnten Iran-verbündete schiitische Milizen nach dem Abzug zusätzlichen politischen und sicherheitspolitischen Handlungsspielraum gewinnen. Diese Gruppen verfügen über erhebliche militärische und politische Strukturen und haben die US-Präsenz im Irak wiederholt angegriffen. Der Wegfall amerikanischer Truppen beseitigt damit zwar ein zentrales Ziel ihrer bisherigen Aktivitäten, beendet jedoch nicht automatisch die Spannungen zwischen den Milizen, der irakischen Regierung und regionalen Akteuren.

Zu den zentralen sicherheitsrelevanten Akteuren zählen neben den irakischen Sicherheitskräften weiterhin der IS, die kurdischen Peschmerga sowie verschiedene Iran-verbündete Milizen. Zu diesen gehören unter anderem Asaib Ahl al-Haq und Kataib Hisbollah.

Während Bagdad den Abzug als Schritt zu größerer staatlicher Eigenständigkeit darstellt, sehen Iran-verbündete Milizen darin einen Erfolg ihres langjährigen Widerstands gegen die amerikanische Präsenz. Gleichzeitig bleibt offen, in welchem Umfang die irakische Regierung in der Lage sein wird, die bewaffneten Gruppen dauerhaft unter staatliche Kontrolle zu bringen.

Kurzfristig könnte der Abzug zu einer Phase erhöhter Unsicherheit führen. Besonders relevant ist die Frage, ob die irakischen Sicherheitskräfte die bisherigen Fähigkeiten zur Aufklärung, Terrorismusbekämpfung und zum Schutz kritischer Infrastruktur vollständig kompensieren können.
Für die kurdische Region stellt sich zudem die Frage nach dem künftigen Schutz vor Drohnen- und Raketenangriffen. Der Wegfall amerikanischer Luftabwehrkapazitäten könnte die Verwundbarkeit wichtiger Einrichtungen erhöhen.
Mittelfristig dürfte die Entwicklung davon abhängen, ob Bagdad seine Sicherheitsstrukturen konsolidieren und den Einfluss bewaffneter Milizen begrenzen kann. Gleichzeitig bleibt die Fähigkeit des IS zur Durchführung von Anschlägen ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor.

Der US-Abzug beendet die amerikanische Militärmission im Irak, nicht jedoch die sicherheitspolitischen Herausforderungen des Landes. Der IS bleibt trotz des Verlusts seines früheren Territoriums als dezentrale terroristische Struktur relevant. Gleichzeitig verfügen Iran-verbündete Milizen weiterhin über erheblichen politischen und militärischen Einfluss.

Damit beginnt für den Irak eine neue Phase, in der die Stabilität des Landes wesentlich davon abhängen wird, ob die staatlichen Sicherheitskräfte die entstandene Lücke eigenständig schließen und konkurrierende bewaffnete Akteure wirksam kontrollieren können. Ob der Abzug das regionale Kräfteverhältnis dauerhaft zugunsten Irans verschiebt, wird sich erst anhand der weiteren politischen und sicherheitspolitischen Entwicklung beurteilen lassen.

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