Die Sicherheitslage in Ägypten ist durch eine komplexe, aber in den letzten Jahren stabilisierte Bedrohungslage gekennzeichnet. Das Land ht seit den 1990er Jahren wiederkehrende Wellen islamistisch motivierter Gewalt erlebt, die sich nach dem politischen Umbruch 2011 und dem Sturz der Muslimbruderschaft 2013 intensivierten. Aktuell geht die primäre Bedrohung von transnational agierenden Dschihadisten aus, die sich oft lokalen Gegebenheiten anpassen. Während sich das Risiko in den touristischen Zentren und Großstädten seit einigen Jahren deutlich reduziert hat, bestehen im Norden der Sinai-Halbinsel und in Teilen der Wüstenregionen nach wie vor erhöhte Gefahren vereinzelter Anschläge gegen Sicherheitskräfte, religiöse Minderheiten und ausländische Ziele.
Die dominanteste Gruppierung ist der „Islamische Staat – Provinz Sinai“ (Wilayat Sinai), ehemals bekannt als “Ansar Beit al-Maqdis”. Diese Gruppe hat dem IS die Treue geschworen und operiert als dessen lokaler Ableger.
Neben dem IS-Sinai existieren versprengte Zellen, die der Al-Qaida nahestehen (wie Al-Murabitun, die jedoch stark geschwächt wurden), sowie militante Splittergruppen der Muslimbruderschaft, wie die Hasm-Bewegung und Liwa al-Thawra. Deren genaue Stärke ist unklar und der Operationsraum primär auf Nord-Sinai und Teile der angrenzenden Wüstenregionen begrenzt. Während letztere primär staatliche Akteure im Niltal ins Visier nehmen, konzentriert sich der IS-Sinai auf eine asymmetrische Kriegsführung mit hoher Intensität. Transnationale Bedrohungen entstehen zudem durch die poröse Westgrenze zu Libyen, die als Transitroute für Waffen und Kämpfer dient.
Das Risikoprofil variiert drastisch zwischen verschiedenen geografischen Zonen. Ein signifikantes Gefälle besteht zwischen dem Nordsinai und dem Rest des Landes. Der Nordsinai gilt als primäres Operationsgebiet des “Wilayat Sinai” und faktisches Kriegsgebiet. Potenzielle Anschlagsarten umfassen Sprengfallen am Straßenrand, komplexe Angriffe mit Schusswaffen, Sprengstoffanschläge gegen Gebäude oder Fahrzeuge, vereinzelte Raketen- bzw. Mörserangriffe sowie Entführungen und gezielte Tötungen von Sicherheitskräften oder als „Kollaborateure“ wahrgenommenen Zivilpersonen.
In den urbanen Zentren (Kairo, Alexandria) treten eher niedrigschwellige Bedrohungsformen wie Einzeltäter mit Schusswaffen oder Messerangriffe, Sprengsätze kleineren Umfangs oder Angriffe auf Kontrollpunkte auf. Touristischen Zentren am Roten Meer (Hurghada, Scharm el-Scheich, Marsa Alam) profitieren von stark verdichteten Sicherheitsmaßnahmen, sichtbarer Polizeipräsenz und besonderem Schutz von Hotels, Flughäfen und touristischen Attraktionen,
Die Zielobjekte der Terroristen umfassen in erster Linie ägyptische Sicherheitskräfte (Militär und Polizei) und staatliche Infrastruktur. Dennoch bleiben koptische Christen und deren Kirchen sowie westliche Touristen symbolträchtige Ziele, um internationale Aufmerksamkeit zu generieren und die ägyptische Wirtschaft zu destabilisieren.
Ägypten war im Verlauf der Konflikte in Syrien, Irak und Libyen sowohl Herkunfts- als auch Transitland für ausländische Kämpfer, wobei die genauen Zahlen umstritten sind und ein erheblicher Teil der Betroffenen im Ausland getötet oder festgesetzt wurde. Sicherheitsbehörden betrachten mögliche Rückkehrer als Risiko für operative Expertise, Rekrutierung und Propaganda, zumal Verbindungen zwischen Sinai-Gruppen und überregionalen jihadistischen Strukturen dokumentiert sind, auch wenn die ägyptische Seite dies mit repressiven Maßnahmen zu unterbinden versucht.
Die Rekrutierung erfolgt dabei nicht nur ideologisch, sondern nutzt in vernachlässigten Gebieten wie dem Nordsinai auch sozioökonomische Missstände und Konflikte zwischen lokalen Beduinenstämmen und der Zentralregierung aus. Autoritären Strukturen, Menschenrechtsverletzungen und Konflikten zwischen Staat und bestimmten Bevölkerungsgruppen speisen perspektivloser Männer. Gefängnisse in Ägypten fungieren ebenfalls oft als Brutstätten für Radikalisierung, wo Mitglieder der Muslimbruderschaft mit Dschihadisten in Kontakt kommen.