Die Sahelzone gilt weiterhin als das weltweite Zentrum des islamistischen Terrorismus. In keinem anderen Teil der Welt fordern terroristische Anschläge derzeit so viele Menschenleben wie in Mali, Niger und Burkina Faso. Um den bewaffneten islamistischen Gruppen entgegenzutreten, haben die Militärregierungen dieser Staaten ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren verstärkt auf Russland ausgerichtet.
Die jüngsten Entwicklungen in Mali zeigen jedoch die Grenzen dieser Kooperation auf. Am vergangenen Wochenende führten die jihadistische Gruppierung Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM), der westafrikanische Ableger von al-Qaida, und die Tuareg-Rebellenallianz Front de Libération de l’Azawad (FLA) koordinierte Angriffe auf mehrere Städte und Militärstützpunkte durch. Nach den vorliegenden Berichten gelang es den Angreifern dabei auch, die strategisch bedeutsame Stadt Kidal im Nordosten des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen und die dort stationierten russischen Kräfte zum Rückzug zu zwingen.
Russland präsentiert sich in Afrika als Alternative zu westlichen Partnern und wirbt mit dem Anspruch, den Staaten der Region wirksame Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zu bieten. Die Politikwissenschaftlerin Hanna Notte, Expertin für russische Außen- und Sicherheitspolitik, bezeichnete die Entwicklungen in Mali als einen entscheidenden Belastungstest für das russische Afrikakorps. Mit schätzungsweise 2.000 eingesetzten Kämpfern stellt dieses derzeit das größte russische Truppenkontingent auf dem afrikanischen Kontinent.
Nach Einschätzung Notte wird sich nun zeigen, ob Russland trotz begrenzter personeller und materieller Ressourcen in der Lage ist, die Sicherheitslage in Mali dauerhaft zu stabilisieren. Eine deutliche Verstärkung der russischen Präsenz erscheine angesichts der hohen militärischen Belastungen durch den Krieg in der Ukraine kaum realistisch. Die jüngsten Angriffe verdeutlichen zudem die Schwierigkeiten Moskaus, seine sicherheitspolitischen Zusagen in der Sahelregion einzulösen.
Ungeachtet dieser Rückschläge gilt eine erneute Annäherung der Militärregierung in Mali an westliche Staaten derzeit als wenig wahrscheinlich. Auch die Nachbarländer Niger und Burkina Faso halten bislang an ihrer sicherheitspolitischen Orientierung in Richtung Russland fest. Gleichzeitig könnten die jüngsten Ereignisse andere afrikanische Staaten dazu veranlassen, den Nutzen einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit Moskau kritisch zu hinterfragen.